Anfänge/1878–1918
Wer hat das Kino erfunden: Erfinder des Films und erstes Kino
Vom Kinetoskop zum Cinématographe: warum die Frage nach dem Erfinder mehrere richtige Antworten hat, und wie aus dem Jahrmarktszelt ein ortsfestes Kino wurde.
Wer hat das Kino erfunden – und warum die Frage strittig ist
Wer hat das Kino erfunden? Die Frage klingt einfach und hat trotzdem keine einzelne Antwort, weil sie mindestens vier verschiedene Leistungen zusammenfasst: bewegte Bilder aufzunehmen, sie auf einem biegsamen Träger zu speichern, sie einer einzelnen Person zu zeigen und sie schließlich vor Publikum an die Wand zu werfen. Diese Schritte gelangen verschiedenen Leuten in verschiedenen Ländern innerhalb weniger Jahre, teils unabhängig voneinander, teils in offener Konkurrenz.
Wer hat das Kino erfunden: erschwerend kommt bei dieser Frage die Quellenlage hinzu. Aus den Jahren vor 1900 sind viele Vorführungen nur durch Zeitungsnotizen belegt, während die zugehörigen Filme fehlen. Patentstreitigkeiten haben die Überlieferung zusätzlich verzerrt, weil jede Seite ein Interesse an einer bestimmten Datierung hatte. Wann wurde der Film erfunden – die Antwort darauf ist deshalb weniger eine Tatsachenfrage als eine Definitionsfrage.
Die Erfinder des Films: wie Bewegung zerlegt wurde
Bevor Bewegung wiedergegeben werden konnte, musste sie zerlegt werden. Eadweard Muybridge fotografierte ab 1878 in Kalifornien einen galoppierenden Hengst mit einer Reihe nebeneinander aufgestellter Kameras und beantwortete damit die damals umstrittene Frage, ob ein Pferd im Galopp zeitweise alle vier Hufe vom Boden hat. Étienne-Jules Marey entwickelte in Frankreich ab 1882 die Chronofotografie, die mehrere Phasen auf eine einzige Platte belichtete, und arbeitete anschließend mit Papierrollen.
In Deutschland baute Ottomar Anschütz seinen elektrischen Schnellseher, der ab 1887 Reihenbilder auf einer rotierenden Scheibe zeigte. Die Erfinder des Films arbeiteten damit zunächst an kurzen Bewegungsfolgen für einen einzelnen Betrachter. Was fehlte, war ein Träger, der lang genug und zugleich biegsam und lichtempfindlich war – und der kam 1889 mit dem Zelluloid-Rollfilm.
Unter den Erfindern des Films nutzte der Franzose Louis Le Prince diese Voraussetzungen als Erster für eine echte Filmaufnahme: Seine Roundhay Garden Scene von 1888 zeigt Menschen, die sich in einem Garten in Leeds bewegen, und gilt als die älteste erhaltene Filmaufnahme überhaupt. Le Prince verschwand 1890 spurlos aus einem Zug, bevor er sein Verfahren öffentlich vorführen konnte – einer der Gründe, warum sein Name in der populären Erzählung der Filmgeschichte fehlt.
Kinetoskop, Bioscop, Cinématographe
Am Anfang der Reihe steht Thomas Edison, dessen Name in jeder Liste der Erfinder des Films auftaucht: in seinem Labor entwickelte William Kennedy Laurie Dickson ab 1889 das Kinetoskop, das 1891 vorgeführt und 1894 kommerziell eingesetzt wurde. Es war ein Guckkasten: Der Film lief in einem Kasten als Endlosschleife, und jeweils eine Person sah durch ein Okular hinein. Edison hielt die Projektion zunächst für wirtschaftlich unsinnig, weil sich mit Einzelbetrachtern pro Kopf mehr verdienen ließ – eine Fehleinschätzung, die den amerikanischen Vorsprung verspielte.
Die erste Projektion vor zahlendem Publikum gelang deshalb in Berlin. Max und Emil Skladanowsky führten am 1. November 1895 im Varieté Wintergarten ihr Bioscop vor, ein Gerät mit zwei parallel laufenden Filmstreifen, die abwechselnd projiziert wurden. Das Programm bestand aus kurzen Nummern von wenigen Sekunden und lief mehrere Wochen. Knapp acht Wochen später, am 28. Dezember 1895, zeigten Auguste und Louis Lumière im Pariser Salon Indien des Grand Café ihren Cinématographe.
Dass sich die Lumières durchsetzten und nicht die Skladanowskys, lag an der Bauart. Das Bioscop brauchte zwei Projektoren und doppeltes Material, war schwer und ließ sich nicht vervielfältigen. Der Cinématographe wog wenige Kilogramm, wurde von Hand gekurbelt, benötigte keinen Strom und war Kamera, Kopiergerät und Projektor zugleich. Die Lumières konnten damit Operateure in die ganze Welt schicken, die vorführten und zugleich neues Material drehten. Der technische Sieg war ein logistischer.
| Gerät | Jahr | Prinzip | Grenze |
|---|---|---|---|
| Kinetoskop | 1891/1894 | Guckkasten für eine Person | keine Projektion, netzabhängig |
| Bioscop | 1895 | zwei Streifen, zwei Projektoren | schwer, störanfällig, nicht kopierbar |
| Cinématographe | 1895 | Kamera, Kopierer und Projektor in einem | Handkurbel, kurze Laufzeit |
Wie der Film nach Deutschland kam
Wer hat das Kino erfunden – die Antwort auf die wirtschaftliche Hälfte dieser Frage lautet: Unternehmer, nicht Erfinder. Eine Schlüsselrolle spielte der Kölner Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck, der bereits mit Warenautomaten Erfahrung im Automatengeschäft hatte und sich früh die deutschen Verwertungsrechte am Verfahren der Lumières sicherte. Dass Film in Deutschland zunächst als Schaustellergeschäft und nicht als Kunstform ankam, hat mit dieser Herkunft aus dem Automaten- und Jahrmarktsgewerbe zu tun.
Die frühen Vorführungen fanden entsprechend statt: in Varietéprogrammen zwischen Akrobatik und Gesang, auf Jahrmärkten in aufwendig dekorierten Zelten, in angemieteten Ladenlokalen. Die Filme waren kurz, oft unter einer Minute, und zeigten Ankünfte von Zügen, Straßenszenen, Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik. Die Sensation war die Bewegung selbst, nicht die Handlung.
Das erste Lichtspieltheater: wie aus dem Zelt ein erstes Kino wurde
Um 1905 setzte sich das ortsfeste Kino durch. In den USA eröffnete in Pittsburgh das Nickelodeon, benannt nach dem Eintrittspreis von fünf Cent; in Deutschland entstanden ab 1906 die ersten fest eingerichteten Lichtspieltheater, zunächst als umgebaute Ladenlokale mit wenigen Dutzend Stühlen. Das erste Lichtspieltheater dieser Art war damit weniger ein Bau als eine Betriebsform. Als ältestes durchgehend bespieltes Kino Deutschlands gilt das 1907 eröffnete Burgtheater in Burg bei Magdeburg.
Ein erstes Kino mit festem Ort veränderte die Filme. Wer Miete zahlt, muss täglich füllen, also braucht er wechselnde Programme und Stoffe, für die Leute wiederkommen. Aus der Nummernfolge wurde der Mehrakter, aus dem Kuriosum die Erzählung. Innerhalb von zehn Jahren wuchs die übliche Länge von unter einer Minute auf abendfüllende Filme, und mit ihr entstanden Berufe: Drehbuch, Regie, Kameraführung, Filmarchitektur.
Wie sich daraus in Deutschland eine eigene Bildsprache entwickelte, behandelt der Abschnitt zum Einfluss des deutschen Kinos. Der nächste technische Einschnitt war der Wandel vom Stummfilm zum Tonfilm. Sammlungen zur Geschichte der Kinos und ihrer Ausstattung dokumentieren die bauliche Seite dieser Entwicklung; die Begriffe dieses Abschnitts stehen im Glossar der Filmtechnik.
Für die Datierung heißt das: Jede Jahreszahl in diesem Abschnitt bezieht sich auf ein belegtes Ereignis, nicht auf einen Erfindungsmoment. Ein Verfahren war selten an einem Tag fertig; es wurde über Jahre verbessert, patentiert, umgangen und neu patentiert. Die Kinogeschichte kennt deshalb kaum saubere Anfänge, sondern überwiegend Übergänge, deren Ränder sich überlappen.
Der Patentkrieg um die Erfindung
Die Frage, wer das Kino erfunden hat, war von Anfang an auch eine juristische. In den USA bündelte Edison 1908 die wichtigsten Patente in der Motion Picture Patents Company, einem Zusammenschluss, der Kameras, Projektoren und Rohfilm kontrollierte und von jedem Kinobetreiber Lizenzgebühren verlangte. Wer sich weigerte, bekam kein Material – und gelegentlich Besuch von Leuten, die Ausrüstung beschädigten.
Diese Blockade hatte eine Nebenwirkung, die die Filmgeschichte stärker geprägt hat als die Patente selbst: Unabhängige Produzenten wichen nach Kalifornien aus, weit weg von den Gerichten der Ostküste und nahe genug an der mexikanischen Grenze, um im Ernstfall auszuweichen. Dass die amerikanische Filmindustrie in Hollywood sitzt und nicht in New York oder Chicago, ist zu einem erheblichen Teil eine Folge dieses Patentstreits. 1915 wurde die Gesellschaft als unzulässiges Kartell aufgelöst.
In Europa verlief der Streit weniger ruppig, aber ebenso zäh. Konkurrierende Ansprüche auf einzelne Bauteile – den Greifer, die Umlaufblende, den Filmtransport – beschäftigten die Gerichte über Jahre, und mehrere Erfinder starben, bevor ihre Ansprüche geklärt waren. Die populäre Erzählung von den zwei, drei genialen Erfindern ist deshalb vor allem eine Vereinfachung: Beteiligt waren Dutzende, und die Auswahl derer, an die erinnert wird, hat oft mit dem Ausgang eines Prozesses zu tun.
Bemerkenswert an diesem Streit ist, wie wenig er mit dem Publikum zu tun hatte. Während vor Gericht um Greifer und Blenden gestritten wurde, entschied sich die eigentliche Frage im Saal: Welches Verfahren war robust genug für den täglichen Betrieb, ließ sich von angelernten Kräften bedienen und lieferte Kopien, die man verschicken konnte. Nach diesem Maßstab war der Cinématographe überlegen, und deshalb steht er in der Erinnerung, obwohl er weder das erste Aufnahmegerät noch die erste Projektion war.
Wie lang ein früher Film war
Die Länge der ersten Filme war keine erzählerische Entscheidung, sondern eine Frage des Materials. Der Cinématographe fasste rund siebzehn Meter Film, was bei der damaligen Kurbelgeschwindigkeit etwa fünfzig Sekunden ergab. Ein Programm bestand aus einer Folge solcher Einzelnummern, und die Vorstellung dauerte insgesamt zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde.
Größere Spulen und robustere Transportwerke verschoben diese Grenze schrittweise. Um 1903 waren Filme von etwa zehn Minuten üblich, eine Länge, in der sich erstmals eine Handlung mit mehreren Schauplätzen unterbringen ließ. Der Mehrakter, also der Film über mehrere Rollen, setzte sich um 1912 durch und machte den abendfüllenden Spielfilm möglich.
Mit der Länge kam die Notwendigkeit, zwischen den Rollen zu wechseln. Kinos mit nur einem Projektor legten dafür eine Pause ein; Häuser mit zwei Projektoren blendeten über, wofür der Vorführer auf Markierungen am rechten oberen Bildrand achtete – jene kleinen Kreise oder Punkte, die auf analogen Kopien am Ende jeder Rolle eingestanzt sind und die dem Publikum bis heute gelegentlich auffallen.
Was von den ersten Jahren erhalten ist
Der Bestand aus der Zeit vor 1900 ist schmal. Filme galten als Verbrauchsware, Kopien liefen bis zum Verschleiß, und der Träger aus Nitrozellulose zersetzt sich mit den Jahrzehnten. Von zahlreichen dokumentierten frühen Vorführungen existiert kein einziges Bild mehr. Erhalten sind vor allem Titel, die früh in Sammlungen gelangten oder deren Negative mehrfach umkopiert wurden.
Diese Lücken haben unmittelbare Folgen für die Erfinderfrage: Wo ein Anspruch nur durch eine Anzeige oder eine Rezension belegt ist, lässt sich weder Datum noch Verfahren überprüfen. Die Filmgeschichtsschreibung arbeitet an diesen Stellen mit Wahrscheinlichkeiten, und Umdatierungen einzelner Ereignisse kommen bis heute vor.
Gelegentlich kehrt verloren geglaubtes Material zurück. In Archiven, Nachlässen und Privatsammlungen tauchen bis heute Kopien auf, die in keiner Filmografie stehen, weil sie über Umwege in einen anderen Bestand geraten waren. Ein Teil des heutigen Wissens über die Anfänge des Kinos stammt aus solchen Zufallsfunden – was zugleich heißt, dass die Darstellung dieser Jahre vorläufig bleibt und mit jedem Fund korrigiert werden kann.
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- Blende, Umlaufblendeseit 1895
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- Lichtspieltheaterab 1905
- Mehrakterab 1912
Häufige Fragen
Wer hat das Kino erfunden?
Eine einzelne Antwort gibt es nicht. Die Aufzeichnung bewegter Bilder gelang Louis Le Prince bereits 1888, die Einzelbetrachtung im Guckkasten hatte Edisons Kinetoskop ab 1891, die erste zahlende Projektion vor Publikum führten die Brüder Skladanowsky am 1. November 1895 in Berlin durch, und das kommerziell durchsetzungsfähige Gerät war der Cinématographe der Brüder Lumière ab dem 28. Dezember 1895. Wer als Erfinder gilt, hängt davon ab, welchen dieser vier Schritte man zum Kriterium macht.
Wer gilt als Erfinder der Kinovorführung?
Wer gilt als Erfinder der Kinovorführung im heutigen Sinn – Projektion auf eine Leinwand vor zahlendem Publikum? Meist werden die Brüder Auguste und Louis Lumière genannt. Ihre Vorführung im Pariser Salon Indien vom 28. Dezember 1895 war die erste, die dauerhaft kommerziell weitergeführt wurde. Max und Emil Skladanowsky waren mit ihrem Bioscop knapp acht Wochen früher dran, ihre Technik war jedoch eine Sackgasse.
Wann wurde der Film erfunden?
Wann wurde der Film erfunden? Die Voraussetzungen entstanden zwischen 1878 und 1895: Eadweard Muybridges Bewegungsserien ab 1878, Étienne-Jules Mareys Chronofotografie ab 1882, der Rollfilm aus Zelluloid ab 1889 und das Kinetoskop 1891. Als Geburtsjahr des Films im Sinne des öffentlich vorgeführten Mediums gilt 1895. Wer gilt als Erfinder der Kinovorführung, hängt anschließend davon ab, welches Gerät man zum Maßstab macht.
Was war das erste Lichtspieltheater?
Das erste Lichtspieltheater löste das Wanderkino ab: bis etwa 1905 lief Film in Varietés und auf Jahrmärkten. Als erstes Kino in Deutschland gilt gemeinhin das 1906 in Berlin eröffnete Haus; in den USA hatte 1905 das Nickelodeon in Pittsburgh eröffnet. Als ältestes bis heute durchgehend bespieltes Kino Deutschlands gilt das 1907 eröffnete Burgtheater in Burg bei Magdeburg.
Warum sind die Skladanowskys weniger bekannt als die Lumières?
Ihr Bioscop führte zwei Filmstreifen abwechselnd über zwei Projektoren, was aufwendig, störanfällig und kaum zu vervielfältigen war. Der Cinématographe der Lumières war dagegen Kamera, Kopiergerät und Projektor in einem, leicht und handkurbelbetrieben. Er ließ sich verkaufen und in die Welt schicken – und setzte sich deshalb durch.